Sehbehinderung im Job: Fragt nicht ob, sondern wie

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Veröffentlicht am 14.09.2026 von Richard Lohmann

Wie arbeitet man in Forschung und Lehre, wenn man kaum etwas sieht? Richard Lohmann hat eine starke Sehbehinderung und erzählt in seinem Gastbeitrag von Schule, Physiotherapie, Hilfsmitteln und der Entscheidung, seine Behinderung sichtbar zu machen.

Einfache Zusammenfassung

Sehbehinderung im Job: Fragt nicht ob, sondern wie – Gastbeitrag von Richard Lohmann". Ein Mann mit Brille steht vor einem Bildschirm mit einer anatomischen Grafik und spricht gestikulierend zu einem Publikum.

Es war ein Bewerbungsgespräch wie jedes andere. Bis auf zwei Fragen: „Haben Sie schon überlegt, ob ein anderer Arbeitgeber vielleicht besser zu Ihnen passen würde? Einer, der sich mehr auf Ihre Bedürfnisse einstellen kann?“ Von diesem Moment an rechtfertigte ich mich. Das kostet Kraft. In einem anderen Gespräch bezweifelte man, ob ich das Unterrichten an der Tafel überhaupt bewältigen könnte. Dabei geht es nicht darum, ob ich etwas schaffe. Es geht darum, wie ich es schaffe.

Meine Sehbehinderung sieht man mir nicht an

Mein Name ist Richard Lohmann. Ich habe eine beidseitige Optikusatrophie mit zentralen Gesichtsfeldausfällen. Das bedeutet: Meine Sehnerven sind geschädigt und leiten die Bildinformationen nicht mehr richtig an mein Gehirn weiter. Vor über zehn Jahren hatte ich noch über 20 Prozent Sehvermögen. Heute sind es links 4 und rechts 8 Prozent. Ob und wie schnell die Erkrankung weiter voranschreitet, ist ungewiss. Eines ist aber sicher: Sie bestimmt nicht, was ich erreichen kann.

Weil ich vieles bewusst und unbewusst ausgleiche, merkt man meine Behinderung kaum. Das hat zwei Seiten. Vorurteile auf den ersten Blick erlebe ich selten. Dafür stoße ich oft auf Unverständnis, weil niemand sieht, was mich Kraft kostet. Nach längerem Lesen ermüden meine Augen schnell und ich bekomme Kopfschmerzen. Gesichter und Mimik erkenne ich erst aus nächster Nähe. Orientierung ist ein tägliches Puzzle: Ampeln, Schilder, die Beschriftung von Türen in Gebäuden. Das alles sehe ich oft gar nicht oder nur sehr eingeschränkt.

Dazu kommen die kleinen, typischen Momente. Die Kollegin, die sich wundert, warum ich sie nicht grüße. Die Studierenden, deren Gesichtsausdruck ich nicht deuten kann. Die Buchhandlung, in der ich versuche, Titel auf den Regalen zu entziffern. Ich liebe Bücher. Gedruckt lesen kann ich sie nur noch mit einer elektronischen Lupe, und das ist sehr umständlich. Deshalb nutze ich fast ausschließlich digitale Lösungen. Die Haptik, der Geruch von Papier, das Gefühl, ein Buch in der Hand zu halten: Das fehlt mir. Trotzdem bin ich dankbar für die digitalen Möglichkeiten. Ohne sie könnte ich nicht arbeiten und mir Wissen nicht so leicht aneignen.

Elektronische Lupe steht auf einem aufgeschlagenen Buch. Auf dem Display sind einzelne Zeilen des Buchtexts stark vergrößert zu lesen. Unter dem Display drei Tasten zum Vergrößern, Verkleinern und Wechseln des Kontrasts.

Mein Weg: vom Gymnasium über die Physiotherapie in die Lehre

Mein Leben war immer von der Frage geprägt, wie ich etwas schaffen kann. Schon im Kindergarten und in der Schule begleitete mich eine Förderlehrerin einer Schule für blinde Kinder und Kinder mit Sehbehinderung. Meine Eltern ließen mich entscheiden, ob ich auf ein Gymnasium oder auf ein Internat für blinde Menschen und Menschen mit Sehbehinderung gehen wollte. Ich entschied mich für das Gymnasium. Dort standen mir verständnisvolle Lehrer:innen zur Seite. Ein Förderplan ermöglichte mir längere Prüfungszeiten und größere Schrift. Unangenehme Situationen gab es trotzdem. Eine Mitschülerin beschwerte sich in der Oberstufe lautstark darüber, dass ich in einem Mathetest länger schreiben durfte. Gemobbt wurde ich aber nie.

Nach dem Abitur (in Österreich: Matura) folgte die Ausbildung zum Physiotherapeuten an einem Uniklinikum. Dort entdeckte ich meine Leidenschaft für den menschlichen Körper, vor allem für Anatomie und Physiologie. Die klinische Arbeit erfüllte mich. Die größte Hürde war die Dokumentation. Mit Vergrößerungssoftware und der Hilfe von Kolleg:innen fand ich meinen Weg. Ermüdend waren die ungefragten Kommentare zu meinem stark vergrößerten Bildschirm, meist von Menschen aus anderen Berufsgruppen, die mich nicht kannten: „Das ist aber groß!“, „Brauchst du das wirklich so groß?“, „Beug dich nicht so über den Tisch, das ist nicht gut für deinen Rücken.“ Als müsste ich meine Anpassungen rechtfertigen.

Parallel zur klinischen Arbeit begann ich ein nebenberufliches Studium der Medizinpädagogik. Ich wollte lehren. Schritt für Schritt wechselte ich in die Lehre, bis ich nur noch an einer medizinischen Berufsfachschule (in Österreich: Schule für Gesundheitsberufe) unterrichtete. Damit kamen neue Herausforderungen. In großen Klassen konnte ich selbst die Mimik der Auszubildenden (in Österreich: Schüler:innen) in den ersten Reihen nicht erkennen. Ich sprach meine Sehbehinderung offen an und machte damit selten schlechte Erfahrungen.

Heute arbeite ich in Vollzeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bachelorstudiengang Medizinpädagogik und mache nebenberuflich meinen Master. Die Kombination aus Forschung und Lehre ist ein Traum, den ich mir erfüllt habe. Mein Team ist unterstützend und familiär. Als nächstes Ziel nach dem Master steht die Promotion (in Österreich: Doktorat) an.

Hilfsmittel sind kein Luxus, sondern die Voraussetzung

Ohne Anpassungen und Hilfsmittel wäre ich nicht dort, wo ich heute bin. Manche halten sie noch für Luxus. Für mich sind sie die Voraussetzung dafür, dass ich arbeiten kann. Das nutze ich täglich:

  • eine elektronische Lupe,

  • zwei 32-Zoll-Monitore mit Vergrößerungssoftware,

  • eine angepasste Maus mit angepasstem Cursor,

  • große Schrift,

  • eine dimmbare Tageslichtlampe

  • Ein Tablet und Smartphone mit Sprachausgabe.

Arbeitsplatz mit zwei großen Monitoren mit weißer Schrift auf schwarzem Hintergrund, links ein Word-Dokument, rechts ein Fachartikel in starker Vergrößerung. Auf dem Tisch stehen Laptop, Tastatur, Maus und ein Gehirnmodell, darüber eine Lampe.

Seit einigen Monaten trage ich am Arbeitsplatz einen Anstecker mit der Aufschrift „Starke Sehbehinderung“. Bis dahin war es ein langer Prozess und eine große Überwindung. Eine unsichtbare Behinderung sichtbar zu machen, fühlt sich manchmal an, als würde ich mich selbst entblößen. Aber es hilft. Studierende und Kolleg:innen haben es vor Augen, und unangenehme Situationen nehmen ab. Sie können meine Behinderung nicht einschätzen, aber sie wissen: Da ist etwas. Meistens reicht das schon für Verständnis.

Warum wir über Bedürfnisse am Arbeitsplatz sprechen müssen

Was ich gelernt habe und dir mitgeben möchte

Sehen ist in fast jeder Situation wichtig, für mich genauso wie für alle anderen. Deshalb stoße ich oft an Grenzen. Gleichzeitig habe ich sehr viele eigene Strategien entwickelt, um damit umzugehen. Ich habe gelernt, um Hilfe zu bitten, wenn ich sie brauche. Ich habe gelernt, offen zu sein. Und ich habe gelernt, dass Akzeptanz ein Prozess ist, mir selbst gegenüber und der Gesellschaft gegenüber.

Mein Ziel? In einigen Jahren oder Jahrzehnten möchte ich privat und beruflich so ausgefeilte Routinen haben, dass ich sie selbst blind beherrsche. Es geht nicht darum, meine Behinderung zu besiegen. Es geht darum, ehrlich, selbstbewusst und ohne Scham mit ihr zu leben. In einem langen Prozess, der immer noch andauert, ist mir klar geworden: Ich kann nichts dafür. Und das muss mir nicht peinlich sein.

Was ich dir mitgeben möchte: Ich weiß, wie überwältigend sich das anfühlen kann. Wie oft du dich fragst: „Schaffe ich das?“ oder „Was denken die anderen?“ Du bist nicht allein. Es gibt Wege, es gibt Lösungen, und es gibt Menschen, die dich unterstützen wollen. Suche dir deine Hilfsmittel, deine Anpassungen, deine Verbündeten. Sei offen zu dir selbst und zu anderen. So bauen wir Vorurteile ab und schaffen Verständnis.

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Mein Appell an Arbeitgeber:innen und Recruiter:innen

Gebt Menschen mit Behinderungen eine Chance. Nicht aus Mitleid und nicht, um die Ausgleichstaxe zu umgehen, sondern weil wir etwas zu bieten haben. Unsere Wege sind vielleicht anders. Unser Engagement, unsere Kreativität und unsere Lösungsorientierung sind oft umso stärker. Fragt nicht, ob wir etwas können. Fragt, wie wir es können. Und gebt uns die Möglichkeit, es euch zu zeigen.

Über den Autor

Richard Lohmann mit kurzen Haaren und Brille, der das Blindenabzeichen trägt.

Richard Lohmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Studiengang Medizinpädagogik an der SRH University in Gera. Nach seiner Ausbildung zum Physiotherapeuten war er in Kliniken und in der Ausbildung von Physiotherapeut:innen tätig. Ehrenamtlich engagiert er sich bei der Cochrane Collaboration für evidenzbasierte Entscheidungen im Gesundheitswesen.

Mehr zu seiner Arbeit findest du auf Richard Lohmanns Profil an der SRH University.

Weiterführende Links und Quellen

Einfache Zusammenfassung

Richard Lohmann hat eine starke Sehbehinderung. Mit dem linken Auge sieht er 4 Prozent. Mit dem rechten Auge sieht er 8 Prozent. Seine Sehnerven sind geschädigt. Darum kommen die Bilder nicht mehr richtig in seinem Gehirn an.

Man sieht Richard seine Behinderung nicht an. Das führt oft zu Missverständnissen. Eine Kollegin wundert sich, warum er sie nicht grüßt. Gesichter erkennt Richard erst aus der Nähe. Schilder und Ampeln kann er kaum lesen.

Richard hat viele Wege gefunden, um gut zu arbeiten. Er nutzt eine elektronische Lupe. Er nutzt zwei große Monitore mit einem Programm, das die Schrift größer macht. Er nutzt ein Handy und ein Tablet mit Sprachausgabe. Diese Hilfsmittel sind für ihn kein Luxus. Ohne sie könnte er nicht arbeiten.

Früher war Richard Physiotherapeut. Er hat Menschen geholfen, sich wieder besser zu bewegen. Heute arbeitet er an einer Hochschule. Dort unterrichtet er und forscht. Nebenbei macht er seinen Master.

Seit einigen Monaten trägt Richard bei der Arbeit einen Anstecker. Darauf steht: Starke Sehbehinderung. Das war für ihn ein großer Schritt. Aber es hilft. Studierende und Kollegen wissen jetzt: Da ist etwas. So gibt es weniger unangenehme Situationen.

Richard sagt: Du bist nicht allein. Es gibt Hilfsmittel. Es gibt Menschen, die dich unterstützen wollen. Sei offen zu dir selbst und zu anderen.

An Arbeitgebern sagt Richard: Fragt nicht, ob wir etwas können. Fragt, wie wir es können.